5 Fragen an Ruben Philipp Wickenhäuser

Ruben Phillip WickenhäuserUnser neuer Autor Ruben Philipp Wickenhäuser beschert uns den ersten Horrortitel im Programm - eine düstere Novelle aus dem nur scheinbar idyllischen Schweden, wo der Traum eines ausgewanderten Pärchens von unfassbarem Schrecken überlagert wird. Wie kommt man auf so einen Stoff? Wir haben nachgehakt ...

Bei "Järngård" muß man unweigerlich an E.T.A. Hoffmanns "Bergwerke von Falun" denken. Welche literarischen Vorbilder haben dich beeinflußt?

Ruben Philipp Wickenhäuser: Keine mit unmittelbarem Bezug zu Schweden. Vielmehr schätze ich vor allem die kraftvolle Sprache eines José Saramago -- wenngleich sein Stil an sich in diesem Falle unangebracht gewesen wäre --, aber auch Autoren, die eine bildhafte Sprache ohne die oft damit einhergehende Verkitschung meistern. Bis hin zu so unterschiedlichen Autoren wie Stanislav Lem oder Heinrich von Kleist. Zudem habe ich ursprünglich im Bereich historischer Romans gearbeitet, wo Beschreibungen und Atmosphäre naturgemäß eine größere Rolle spielen; wobei als Vorbilder in diesem Bereich natürlich die literarisch und akademisch anspruchsvolleren Werke dienen, nicht die beliebigen, von Marketingabteilungen gerade herbeigewünschte Geschichtin des Verlagsherzogs. Ohne damit die Behauptung aufstellen zu wollen, meine Arbeit könne diesen Vorbildern nahekommen. Mein Ziel ist es eigentlich, einen literarischen Anspruch wenigstens anzustreben, je nach Thema mal mehr, mal weniger, ohne dabei auf eine lebensferne, ebenfalls beliebig werdende affektiert-artifizielle Ebene abzudriften.

Was reizt dich am Horrorgenre?

Es lassen sich hier gut die Gegensätze vereinbaren: Das beinahe klischeehaft schöne Bild von Schweden mit der frei ausgesponnenen Phantasie einer Gegenrealität. Ich möchte mich nicht übertrieben in Metaebenen verlieren, das soll das Vorrecht bildender Künstler bleiben. Trotzdem aber soviel: Wir finden solche Gegensätze ja laufend in der Wirklichkeit. Beiuspielsweise in Bezug auf die Nationalromantik Anfang des 20. Jahrhunderts: In der Theorie klingt das alles ganz wunderbar, naturverbundenes Leben quasi idealer Menschen, die germanisch sehnig die Kraft der Sonne anbeten, und in der Folge befeuert diese Romantik dann das Grauen des rassistisch legitimierten Massenmordes. Das ist jetzt natürlich in Bezug auf die Novelle bereits sehr weit ausgegriffen -- bleiben wir also lieber dabei, daß Horror phantastische, starke Bilder und zugleich Spannung ermöglicht, und zugleich in unserer Lebenswirklichkeit verbleiben kann.

Du kontrastierst in deiner Horrornovelle die Idylle der schwedischen Natur mit postindustrieller Romantik. Was hat dich dazu bewegt?

JärngardDie Gegend, in der wir leben, ist geprägt von der Zeit des Eisenabbaus: Überall stehen mächtige Steinruinen von Erzschmelzen und Essen, Schuttberge mit von der Hitze buntlasiertem lavaartigem Gestein, Spuren der Dampflocktrassen, die das Land kreuz und quer durchzogen. Da lag eine solche Verbindung natürlich nahe. Und ich muß zugeben, daß mich die fantasiesprühende Ästhetik des Steampunk sehr fasziniert. Wobei sie hier natürlich nur sehr hintergründig in Erscheinung tritt.

Nach Schweden auswandern - warum eigentlich? Wälder gibt es doch auch in Deutschland.

Schweden ist nicht nur wesentlich näher an der Natur (rund ein Zehntel der Einwohnerzahl auf rund dreifacher Fläche), auch die Mentalität der Menschen ist wesentlich entspannter als die sehr regelfixierte, ja regelversessene deutsche Denkweise. Nicht zuletzt zielt Schule nicht darauf ab, in einem mißverstandenen Hochleitungswahn möglichst viel Wissen in möglichst kurzer Zeit in die Kinder hineinzustopfen, um sie möglichst jung in die Arbeitslosigkeit oder den Moloch des Niedriglohnsektors entlassen zu können, sondern nimmt, bei allen Nachteilen des schwedischen Systems, deutlich mehr Rücksicht auf die Lebensqualität und das Zusammenleben der Schülerinnen und Schüler. Das war für unsere Kinder ebenfalls ein wichtiger Faktor, den Schritt des Auswanderns zu wagen. In meinen Presseartikeln hebe ich vor allem die nicht so gut funktionierenden Seiten der schwedischen Gesellschaft hervor, auch, um dem Klischee ein wenig Ernüchterung zu verschaffen, aber die positiven Seiten sind unverkennbar.

Es liegt nahe, bei deiner Novelle einen autobiografischen Hintergrund anzunehmen ...

Wenn der Text eine solche Annahme nahelegt, kann das natürlich als Lob gelten -- aber inwiefern eine solche Vermutung dann auch zutrifft, ist vielleicht eines der interessanten literarische Rätsel, die ein solcher Text aufgibt.

Mehr zum Titel: Järngård. Der Fluch des Erzes