Die Novelle ist zurück!

Stellen Sie sich vor, Sie sind beruflich unterwegs. Etwas halbwegs Langweiliges steht Ihnen bevor, eine Tagungswoche, Arbeitsessen, Präsentationen. Vielleicht auch eine hundsgewöhnliche Woche mit acht Stunden Schicht oder Dienst am Tag, Teamsitzungen, Kantine …

Möglicherweise gehören Sie sogar zu den Unglücklichen, denen etwas halbwegs Aufregendes bevorsteht, Warten auf Arbeitsagenturfluren vielleicht, der Blick zum Nummernanzeiger, die Kinderversorgung, bei der sie mit einer Hand füttern und mit einer Hand Windeln wechseln (hoffentlich ohne etwas zu verwechseln), das Hopping von einem Job zum nächsten, erst Putzen, dann Gassigehen, inzwischen Warten auf Anrufe der Zeitarbeitsfirma.

Wahrscheinlich ist ihr Arbeitsleben eine Kombination aus all dem.

Und sonst so?

Haben Sie Freunde, Freundinnen, Liebste? Spielen Sie mit Eisenbahnen? Begärtnern Sie wild Grünflächen? Gehen Sie einkaufen? Bio oder Discounter? Hängen Sie vor der Glotze ab?

Wie auch immer: Sie packen den E-Reader ein und laden sich was drauf. Im Flugzeug, in der Bahn, auf der Parkbank, neben dem schlafenden Kind, auf Ämterfluren und wenn Sie bei Jauch und Lanz den Ton abdrehen, schnicksen Sie das Tablet an und lesen noch ein Stück. Draußen das große Beben, wie in Kleists berühmter Novelle, die auch unserem Verlag den Namen gab, und Sie drinnen … na, nicht gerade im Gefängnis, wie der junge Protagonist bei Kleist, und den Strick werden Sie sich auch nicht gleich nehmen, wie der ohnehin schon zum Tode Verurteilte, der sich in seiner Zelle in St. Jago, der Hauptstadt des Königreichs Chili erhenken möchte. Aber so eine Novelle kann einem schon gehörig in den Alltag funken. Und genau das soll sie auch.

Typisch Novelle! Und typisch Bildschirmlesen. Diese Kombination schafft es wie keine andere, uns beiläufig im Alltag abzuholen, kurz, intensiv und mit langen Nachhall in eine andere Welt zu ziehen und uns ein bisschen verändert wieder zurückzuschicken.

Die Novelle hat wieder einen Platz

Was genau eine Novelle ist, darüber kann sich die Literaturwissenschaft gerne weiter streiten. Wir wissen nur: Texte, die in einer längeren, konzentrierten Sitzung durchzulesen sind, die „unerhörte Begebenheiten“ (Goethe) in den Mittelpunkt stellen, also eine Figur, eine explosive Situation, einen Handlungsstrang; Texte, die ohne lange Anlaufzeit dahin gehen, wo es spannend wird: Texte, die wegen der inhaltlichen Konzentration den AutorInnen jede Gelegenheit bieten, formal und stilistisch genauestens zu arbeiten, die finden bei uns einen Platz.

Fast möchten wir sagen: Wieder einen Platz. Denn Novellen waren lange Zeit in der Verlagslandschaft unbeliebt. Nicht, weil die LeserInnen sie nicht gemocht hätten. Immerhin haben sich nicht nur die Klassiker der deutschen Literatur in diesem Format brilliant bewiesen; von Italien über Frankreich bis hin zu den USA und Lateinamerika finden sich immer wieder Paradestücke der Schreibkunst gerade in dieser Form. Wollen Sie mal im Angebot kostenloser E-Books stöbern? Schauen Sie beim Projekt Gutenberg neben den schon genannten Kleist und Goethe nach E.T.A Hoffmann, Kafka, Bocaccio, Flaubert, Melville, Steinbeck oder Borges.

All diese Künstler haben natürlich auch in längerer oder kürzerer Form Großartiges geleistet. Aber wenn Ihnen “Moby Dick“ für den Arbeitsweg zu lang ist und „Madame Bovary“ Sie beim Kinderhüten zu sehr an Ihr eigenes Schicksal erinnert, versuchen Sie es mal mit „Bartleby“ oder „Ein schlichtes Herz“. Ein konzentrierter Stoff, bei dem man auf der mittleren Distanz an jedem Wort und jedem Satz feilen kann, das hat die Autorinnen und Autoren eben zu allen Zeiten gereizt.

Die Novelle gehört auf den E-Book-Reader!

Dass Bücher in diesem Umfang lange Zeit nicht mehr gedruckt und vermarktet wurden, hat mit dem Buchmarkt insgesamt zu tun. Kurzgeschichten in Zeitschriften boten noch rasanteres Lesevergnügen, freilich oft auch weniger Langzeitwirkung. Romane hingegen wurden, je mehr sich wenige große Verlage den Massenmarkt teilten und folglich Konkurrenz machten, umfangreicher und oft auch normierter, stilistisch und inhaltlich festgelegter.

E-Books haben diese Bücherlandschaft kräftig durchgeschüttelt. Sie sind beileibe kein Allheilmittel – wie bei jeder technischen und gesellschaftlichen Neuerung kommt es darauf an, was man daraus macht. Wenn man sie missbraucht, um billige Ramschware noch billiger und massenhafter zu verhökern, ist das keine Innovation, die irgendjemandem mehr Lesegenuss verschaffen würde. Ohne Zweifel haben sie aber für Verlage und LeserInnen deutlich spürbare positive Effekte. Sie ermöglichen es, auch für ein kleineres Publikum rentabel zu produzieren und dieses durch relativ günstige Öffentlichkeitsarbeit in sozialen Netzwerken zu erreichen. Nischen haben eher eine Chance und LeserInnen mehr Auswahl – wenn sie es denn wünschen.

Zudem kehren Geschichten wieder in den Alltag ein. Statt schwergewichtiger Romane, die inhaltlich oft keinen großen Nährwert haben, bieten sich kürzere Geschichten an, die in die vielen Zwischenräume des bewegten Alltags eingreifen und sie zu etwas Besonderem machen.

Die Novelle ist zurück!

Sie sehen, Novellen sind keineswegs angestaubt und von gestern. Zugegeben, wenn jemand davon spricht, etwas sei „wieder da“ oder „endlich zurück“, kann man fast immer davon ausgehen, dass es sich um einen Werbetrick handelt. Natürlich nutzen auch wir „Novelle“ als Oberbegriff für spannende, pointierte Texte, die sich einfach gut auf mobilen Lesegeräten machen.

Ob es sich dabei im Einzelfall um lange Kurzgeschichten oder kurze Romane handelt, darum wollen wir uns nicht streiten. Aber etwas Wahres ist doch dran an der Eignung gerade solcher Texte für Ihr, für unser Leben … Ihnen kann es im Grunde egal sein – entdecken Sie einfach den Reiz einer nie ganz weg gewesenen Literaturform, die bei uns von zeitgenössischen AutorInnen neuen Glanz bekommt. Alte Qualität und neue Leichtigkeit, das kann doch nur gut sein.

Wie schon Kleist am Ende des Erdbebens in Chili schrieb: "Wie er beide erworben hatte, so war es ihm fast, als müsste er sich freuen."